Saturday, 20. december 2008 6 20 /12 /Dez. /2008 17:48

Ein altes Holzhaus steht am Ortsrand. Es hat schon bessere Tage gesehen, jetzt erscheint es von außen besehen nur noch baufällig zu sein. Ein Architekt würde sagen, abreißen und ein neues Haus bauen. Der Liebhaber hingegen würde so manches interessante an diesem Häuschen finden. Die eindrucksvolle verwitterte Schnitzerei über der Eingangstür. Die aufwendige Zimmermannsarbeit eindeutig ein Zeichen von Handarbeit.

Die meisten Spaziergänger aber gehen achtlos vorbei und beachten das windschiefe Häuschen nicht. Viel schlimmer sind die dreisten Farbschmierereien und die obszönen Texte. Das hat das Holzhäuschen und seine einstige Bewohnerin sicher nicht verdient.

Auf dem kleinen Friedhof des Ortes liegt ein Grab einsam an einer Mauer. Fragt man die alten Leute hier, wieso dieses Grab so allein abseits liegt, dann schütteln sie den Kopf.

„Das wissen sie nicht? Da liegen die Armen, die kein Geld haben für ihre Beerdigung. In unserem Ort gab es nur eine, unser Klärchen.“

Neugierig geht man zu dem verwitterten Holzkreuz und liest dort: Klara Steiner.

Jetzt hat sie also schon einen Namen, die alte Dame aus dem windschiefen Holzhäuschen.

Wie aber lebte sie? Was hat sie in ihrer Lebenszeit vollbracht?

Auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln kann oft sehr interessant werden. Ein Mensch der scheinbar längst in Vergessenheit geraten ist und von dem nicht eine Seite beschrieben steht, wird mühsam wie ein Puzzle zusammengetragen.  So sammeln sich hier ein kleines Teilchen und dort eine Episode zu einer näheren Information.

Ein alter Herr auf einer Bank am Dorfteich weiß mehr. Er füttert gerade die Enten, wirft ihnen trockene Brotkrummen zu. Mürrisch blickt er drein.

„Wieso wollen Sie was über Klärchen wissen? Wer sind Sie überhaupt?“

Der Frager kommt nicht zur Antwort, in den grauen alten Hirnzellen beginnt die Verjüngungskur und noch einmal reist der Geist in jene längst vergangene Zeit.

„Das ist eine lange traurige Geschichte. Klara war ein gescheites Mädchen, nur hatte ihre Mutter schon kein Geld. Klara war eine schöne Frau und so fand sie trotz der Armut einen Mann aus gutem Haus. Es war der Erstgeborene eines der reichten Bauern hier. Leider war der Bauer gegen die Verbindung, genutzt hat es nichts. Wo die Liebe hinfällt, Klara hat ihren Kurt geheiratet. Sie können mir glauben, es war ein stolzes Paar. Der Alte hat zwar seinen Sohn enterbt, aber der Kurt hat auch so seinen Weg gemacht. Das wäre sicher auch ein gutes Leben geworden. Der zweite Weltkrieg hat alles kaputtgemacht. Kurt fiel bei Stalingrad und der Alte hat Klara dafür die Schuld gegeben. Der Herr Pfarrer hatte nichts besseres zu tun, als vom Sündenfall und der Gerechtigkeit zu reden. Blödes Zeug, was konnte Klara für den Tod ihres Mannes. Nichts! Die Leute hier am Ort haben über sie getratscht und sie verflucht. Die Hexe haust im Holzhaus. Das Verrückte ist, wenn die Ärzte nicht helfen konnten sind sie zu Klara geschlichen, heimlich und nur in der Nacht. Das waren Zeiten, was?“

Der Frager schaut auf den Weiher und meint.

„Das ist aber nicht die ganze Geschichte?“

Der alte Mann bricht Brot und wirft es den Enten zu.

„Nein! Es geht noch weiter. Klara hat in ihrer Familie Frauen gehabt, die der Hexerei bezichtigt und deshalb verbrannt wurden. Zwei ihrer weiblichen Verwandten landeten im sogenannten Schuldenturm. Klara verstand sich auf die Heilkunst wie keine zweite. Sie kannte alle Kräuter wusste, wo man sie fand und wie sie zu verarbeiten waren. Die Salben halfen immer, ihre Tees waren eine Wohltat und ihre Hände waren warm.“

Der Frager schaut den alten Mann verwundert an.

„Warm? Was meinen Sie mit warm?“

„Na, die hat ihre Hand aufgelegt und damit geholfen, hat massiert, eingerenkt und solche Sachen. Manchmal habe ich ihr heimlich was zu essen gebracht. Die Frau war arm wie eine Kirchenmaus. Meine verstorbene Frau hätte es nie erfahren dürfen, die hätte das Klärchen am liebsten gesteinigt. Verstehen Sie warum Menschen so sein können? Ich ehrlich gesagt nicht, vielleicht hängt es am Alter. Wissen Sie, die hatte einen selbstgebrannten Kräuterschnaps der bewirkte wahre Wunder.“

Der Frager lächelt und meint.

„Deshalb haben Sie die Frau besucht, wegen dem Schnaps.“

Der alte Mann winkt ab.

„Nein, es gab immer nur ein Gläschen Kräuterschnaps, nie auch nur einen Tropfen mehr. Warum interessiert Sie diese Geschichte überhaupt? Kein Mensch interessiert sich mehr für Klärchen, die liegt seit fast zwanzig Jahren unter der Erde.“

„Dann ist Sie aber früh gestorben!“

„Ja, die arme Frau bekam eine Lungenentzündung und ist daran gestorben.“

„Das ist eine traurige Geschichte, ihr ganzes Wissen ist wohl verloren für diese Welt.“

Der alte Mann nickt zustimmend.

„Ja! Nur was geht es Sie an?“

„Ich habe erst gestern bei der Durchsicht der Unterlagen meiner verstorbenen Eltern erfahren wer ich wirklich bin.“

Der alte Mann klatscht plötzlich in beide Hände.

„Dann hatte ich also doch Recht! Klärchen war nach Kurts letztem Heimaturlaub schwanger. Kurt ist drei Monate später in Stalingrad gefallen. Ich habe es damals geahnt, Klärchen war nicht nur traurig, sie war total durch den Wind. Sie hat wohl das Kind heimlich zur Welt gebracht und dann um es vor den Leuten zu schützen in andere Hände gegeben.“

Der Frager nickt traurig.

„Genau so war es, Sie fürchtete um das Leben ihres Kindes. Ich habe nicht gewusst, dass ich ein Pflegekind war. Der Tod hat die Wahrheit an das Licht des Tages gebracht.“

Der alte Mann schaut den Frager lange an.

„Jetzt erkenne ich dich, du bist deinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich bin sicher deine Mutter hat dir etwas hinterlassen. Hast du den Schlüssel zum Haus?“

Der Mann nickt stumm und zieht ihn hervor.

„Ich wette du heißt Kurt.“

Kurt und Tränen stehen in seinen Augen.

„Scheiße! Ich bin dein Onkel, ich habe damals statt meines Bruders Kurt unseren Hof geerbt.“

Der alte Mann beginnt zu heulen.

„Keine Angst mein Lieber, ich habe viel gut zu machen. Jetzt weiß ich wenigstens für wen ich das Erbe erhalten habe. Gehe zum Holzhaus und schaue im Keller nach, da findest du die Antworten auf deine Fragen. Den Rest werde ich Dir bei einem Essen in meinem Haus erzählen. Es ist der große Hof direkt auf der anderen Seite.“

Kurt nickt und geht zu dem alten Holzhaus. Er sperrt die Tür auf und ist erstaunt wie gut alles noch funktioniert. Das Haus sieht im Innern gut erhalten aus, hier hat wohl immer wieder jemand nach dem Rechten geschaut.

Er steigt die steile Kellertreppe hinab und findet sich in einem großen Raum wieder. Jetzt erst fällt ihm auf, das Licht brennt, also gibt es Strom. Vor ihm steht ein Küchentisch und an der Wand steht ein Schrank. Auf dem Tisch liegt ein Brief.

Kurt nimmt ihn mit zittriger Hand auf und liest den Text.

- Für meinen Sohn Kurt -

Er öffnet den Umschlag und liest immer wieder die Zeilen, irgendwann legt er den Brief auf den Tisch und öffnet den Schrank.

Lange blickt er auf die Hefte und Bücher, nimmt zaghaft welche in die Hand. Mühsam versucht er die Schrift zu entziffern und dann scheint es als sei eine Erscheinung im Raum. Das Licht wird heller, eine schemenhaftes Wesen huscht durch den Raum, eine sanfte Frauenstimme flüstert zärtlich.

„Habe keine Angst Kurt, nimm es an, das Vermächtnis der Heilerin. Ich kann dir nicht viel geben, was ich dir aber gebe ist unbezahlbar. Es ist das wertvollste was ein Mensch geben kann.“

In dieser Nacht fand die Heilerin endlich ihre verdiente Ruhe und ein neuer Heiler ward geboren.

 

© Bernard Bonvivant, Autor des Romans das Chaos
von Bernard Bonvivant
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Wednesday, 10. december 2008 3 10 /12 /Dez. /2008 19:07

Agnes Neuhaus (1854-1944) war Gründerin des Sozialdienstes katholischer Frauen E.V  Dortmund.

Es war meine yasni Bekannte Kirsten Cordes, die mich auf den Beitrag im WDR-Fernsehen hinwies und nachfragte, ob ich nicht etwas schreiben  könnte.

 

Kirsten Cordes arbeitet seit 2003 als Diplom Psychologin für Kober. Das Projekt: „Ausstiegshilfen für Prostituierte“.

Allein in Deutschland gibt es mittlerweile über 400.000 berufsmäßige Prostituierte, dabei sind nicht mitgezählt die Gelegenheitsprostituierte. Die Dunkelziffer lassen wir besser außen vor. Nach Schätzungen arbeiten um die 20 % der Frauen auf dem Straßenstrich.

Der Sozialdienst katholischer Frauen hat in Dortmund einen  Container für die Betreuung dieser Frauen eingerichtet. Jeden Abend sind Kirsten Cordes und ihre Kolleginnen vor Ort um sich um das Schicksal der Huren auf dem Straßenstrich zu kümmern.

Kirsten Cordes betont, wie wichtig die ehrenamtlichen Helferinnen sind, die sie auf der Strasse begleiten. Ohne diesen freiwilligen Einsatz wäre die Arbeit nicht zu bewältigen. Nicht jede Frau ist für diese ehrenamtliche Tätigkeit geeignet. Die ehrenamtlichen Helferinnen sind auch nie alleine auf der Straße. Sie werden von Psychologen und Sozialarbeitern auf diese nicht leichte Aufgabe vorbereitet.

Etwa 500 Frauen gehen in Dortmund auf dem Straßenstrich anschaffen, etwa 90 % davon kommen aus Bulgarien. Es ist vor allem die finanzielle Not, die diese Frauen auf die Straße treibt.

Es ist keineswegs Romantik, vielmehr ein Kampf ums Überleben.

Die Frauen müssen viel einstecken, sie werden nicht nur angeguckt. Da fallen auch Schimpfworte, Beleidigungen und manchmal werden sie mit Müll beworfen. Es ist die andere Seite dieser Welt. Die Streetworkerinnen helfen so gut es möglich ist.

Wie sieht diese Hilfe aus?

Die Frauen benötigen Hilfe bei Pass- oder Visafragen, andere brauchen ärztliche Betreuung. Es wird eine Wohnunterkunft gesucht oder die Frauen wollen einfach nur reden.

In den Abend und Nachtstunden werden Kaffee und warme Suppe gereicht. In dieser Zeit können die Frauen einmal eine Auszeit von der Strasse nehmen.

Ohne diese Hilfe wäre der Straßenstrich von Dortmund um einiges kälter. Kirsten Cordes, ihre Kolleginnen und die freiwilligen Helferinnen können das Elend nicht beseitigen. Die Welt wird sich nicht ändern, aber sie wird für einen Augenblick menschlicher.

Ich danke Kirsten Cordes für diesen Einblick in ihre Arbeit.

Vielen Dank für diesen Beitrag!!!!

Darf ich etwas Aktuelles ergänzen?

Weihnachtsfeier auf dem Straßenstrich fällt ins Wasser?

 

Auf dem Straßenstrich in Dortmund ist der Beratungscontainer von KOBER (www.kober-do.de) jetzt so marode, dass er stillgelegt werden musste. Es regnet rein, alles ist nass, das Wasser läuft an den Wänden runter in die Steckdosen... Der Container darf nicht mehr benutzt werden.

Dank der Journalistin Ilona Rothin wurde dieser Zustand bereits letzte Woche bei Frau TV auf WDR erwähnt. *Danke*

Wir stehen jetzt Nachts mit unseren kleinen niedlichen Dienstwagen auf der Straße, sitzen -in Decken gewickelt- im Kofferraum und verteilen Kaffee aus Thermoskannen und Kondome. Professionelle Gesprächsführung, Informationen zu sexuell übertragbaren Krankheiten, Beratungsgespräche sind praktisch nicht möglich. Von "Auszeit" und "Entspannung" für die Frauen kann auch keine Rede sein. Auch die einzige Toilette auf dem Strich ist nicht mehr benutzbar.

Die Stadt Dortmund wird uns einen neuen Container auf die Straße stellen. Das ist natürlich klasse! Aber sicher nicht mehr vor dem 18.Dezember.... Nächste Woche, am 18 Dezember soll die alljährliche Weihnachtsfeier auf dem Strich stattfinden. Seit vielen Jahren eine feste Instanz und für die dort arbeitenden Frauen ein wichtiges Ereignis im Jahr.

 

Wie wird das in diesem Jahr aussehen?

Ich muss spätestens am Freitag eine Pressemitteilung zur Weihnachtsfeier rausschicken. Was wird sich bis dahin getan haben? Was soll ich schreiben? Diese Weihnachtsfeier ist wichtig! Für viele Frauen einer von ganz wenigen Anlässen in ihrem Leben, sich "normal" zu fühlen, dazu zu gehören, und vor allem: Etwas geschenkt zu bekommen ohne Gegenleistung. Eine richtige Weihnachtsfeier mit leckerem Essen, Kerzenschein, Weihnachtsdeko und Geschenken. Die Feier in andere Räumlichkeiten verlegen?

Die Frauen kommen nicht... sie arbeiten dort und sie verlassen ungerne ihren Arbeitsplatz. Wir müssen etwas dort auf der Straße organisieren. Wer kann helfen? Ein Festzelt? Wärmepilze? Ein Buffet im Freien? Ein großer Bus? Ein Journalist, der darüber berichten möchte? Ein Event-Manager, der das als Herausforderung betrachtet und mal zeigen will, was er drauf hat? 100 Geschenktüten wurden bereits gespendet, aber WO und WIE sollen wir feiern??? Wir wollen den Frauen zeigen, dass wir sie WERTSCHÄTZEN! Wir wollen ihnen ein Stück weit NORMALITÄT auf die Straße bringen zu Weihnachten. Kennst Du einen, der einen kennt, der irgendwie helfen kann?

Dann melde dich bitte unter kober@skf-dortmund.de 0231/863210 (Beratungsstelle KOBER) oder eine Nachricht an mich bei Yasni :) Lieben Gruß Kirsten

 Bernard Bonvivant

von Bernard Bonvivant
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Saturday, 29. november 2008 6 29 /11 /Nov. /2008 14:46

Der  futuristische Debütroman „Das Chaos“ des Autoren Bernard Bonvivant thematisiert das Leben im Jahre 2028. In diesem Zukunftsroman werden die Überlebenschancen der nachfolgenden Generation aufgrund unzähliger Komplikationen in düsteren Farben dargestellt. Die von Bernard Bonvivant dargestellte Zukunftsperspektive gleicht einer Apokalypse mit einer Dominanz der älteren Gesellschaft, einer dramatisch zunehmenden Umweltzerstörung und einer Manipulation der Menschheit durch böse Machenschaften. In dieser Welt des Chaos und der Vernichtung entwickelt sich die Romanze zwischen Karl und Christina, die sie aus der Monotonität ihres Alltags reißt. Beide werden in einen Kampf gegen das totalitäre System verwickelt. Gemeinsam mit anderen Gegnern dieser aktuellen Lebensumstände engagieren sie sich für ein Projekt das einen Wandel der inhumanen Umstände und eine neue Welt prophezeit. Eine spannende gestaltete Zukunftsvision verspricht Dramatik und Leseunterhaltung auf höchster Ebene.
Deutschland im Jahre 2028. Für den 70-jährigen Karl beginnt der Tag wie immer ziemlich freudlos, als er sich auf den Weg zu einem 12-stündigen Arbeitstag im Amt für alte Angelegenheiten begibt. Die Welt um ihn herum hat sich in den letzten Jahrzehnten gravierend verändert: Die Überalterung der Gesellschaft, eine Zerstörung der Umwelt in apokalyptischen Ausmaßen und die Gleichschaltung der Menschen durch die verschwörerischen Machenschaften eines global agierenden Chemiekonzerns
lassen Endzeitstimmung aufkommen. Mit der beginnenden Beziehung zu Christina, einer im Untergrund lebenden Ärztin, ändert sich das bislang eintönige Leben Karls schlagartig, denn beide versuchen, sich der totalitären Ordnung zu entziehen. Sie werden schließlich Beteiligte eines grandiosen Zukunftsprojektes, geleitet von dem ehemaligen Schiffsingenieur Hans. Doch der Aufbau einer neuen Mikrowelt bleibt nicht ohne Grundsatzkonflikte. So arbeitet Professor Schneider, der bereits in einen Pharmaskandal unglaublichen Ausmaßes verwickelt war, ohne jede Rücksichtnahme auf ethische Bedenken an der Züchtung menschlichen Lebens, und auch andere verfolgen egoistische und äußerst riskante Ziele, die den Erfolg der neuen Welt immer wieder in Frage stellen. Und so bleibt es schließlich „Eva“, einer lernfähigen künstlichen Intelligenz, überlassen, die Menschen immer wieder daran zu erinnern, was wahre Menschlichkeit wirklich bedeutet…
Bernard Bonvivant, „Das Chaos“, erschienen im August von Goethe Literaturverlag,
590 Seiten , Paperback, Preis: 19,80 €, ISBN: 9783837200195

von Bernard Bonvivant
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